Die kleine Freiheit – vielleicht
Konzept, Regie, Texte, Musik, Performance: Stephan Dorn & Falk Rößler
Technik, Raum, Design: Jost von Harleßem
Kostüme, Raum: Katharina Sendfeld
Produktionsleitung: Alessia Neumann
Dramaturgie: Michaela Stolte & Nele Stuhler
Dramaturgische Mitarbeit: Lisa Schettel /
Premiere:

13.02.2014 / Mousonturm Frankfurt a.M. /
Fotos: Hanke Wilsmann & Jana Mila Lippitz

Es ist ja so:

Einer steht da und erzählt wie es ist. Man könnte sich mit ihm unterhalten,
aber meistens unterhält nur der eine die anderen. Und gut, dass das mal einer sagt.
Selber sagt man’s ja auch immer wieder.
Aber gut, dass noch jemand das so sieht –

Und dann stehen da Zwei und üben Kraft aus. Gegen den Feind, gegen den Freund, gegen einander, gegen sich selbst. Man schlägt zu und schlägt… ins Leere.
Früher wurde man sogar beschattet, aber das ist lange her.

Tucholsky hat den Holocaust verhindert, Georg Kreisler den Vietnamkrieg. Und jetzt also wir. Was wir nicht schon alles verhindert haben! Da ein Lied, hier eine Zeile, schon brechen Imperien zusammen. Sie sitzen da, wir stehen hier. Nichts kann passieren, aber schauen Sie mal hier: ein Handstand!

Wenn ich diesen Kaffee austrinke, stirbt irgendwo ein afrikanisches Baby, und wenn ich mir den leeren Kaffeebecher ans Ohr halte, kann ich in der Ferne einen Eisbären zu nah an die Stadt kommen hören. Wegen Essensresten. Aber gut. Das Schmelzen wont dem Schneemann inne. Soll heißen: der Untergang ist nah, doch wir sind zur Stelle und haben Anzüge an, da kann man eigentlich nichts gegen sagen…

Stephan Dorn und Falk Rößler nehmen sich die Kleinkunst vor – von Kabarett und Comedy über Pantomime und Zauberei bis hin zu Puppenspiel und Jonglage. Sie fragen dabei, was kritische Kunst war, ist und womöglich (nicht mehr) sein kann und wie eine sowohl spannende als auch unterhaltsame zeitgenössische Theaterästhetik aussehen kann.

www.die-kleine-freiheit.de


Eine Koproduktion mit dem Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt, dem Theaterdiscounter Berlin, der Hessischen Theaterakademie und dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen.
Mit freundlicher Unterstützung durch die hessische Film- und Medienakademie, das Kulturamt der Stadt Gießen, Z / Zentrum für Proben und Forschung Frankfurt a.M.

Besonderer Dank an: Björn Mehlig, Marcus Droß, Anna Krauß, Heike Rößler, Tino Kühn



Pressestimmen
Aufführungen
Trailer
Konzept
Tourblog
  • “Ja, das ist weit weg und verdammt lang her, dass sich Schauspieler „on stage“ so tiefsinnige Gedanken über ihr Tun machen. (…) Die schräge, ganz unarithmetische Rechnung der beiden Theatermacher geht in jedem Moment auf. Weil sie auf die Urkräfte des Theaters vertrauen, dass da einer steht, ganz allein, und sich zum Affen macht, um denselben in sich und uns zu entdecken. (…) Auf seine eigene, die Unsicherheit nicht verbergende Art hinterfragt das Duo dem selbst gesetzten Auftrag gemäß nicht nur Kleinkunst, Varieté oder den Jahrmarkt der zu Facebook getragenen Eitelkeiten – sie machen auch ganz großes Theater. Das berührt. (…) Wo alle nur noch spielen, statt zu sein, kann solche kleine Großkunst etwas geben, was längst verloren schien: Die kleine Freiheit namens ‘vielleicht’.”

    Kieler Nachrichten, 17.06.2013


    “Aber wir sind ja schließlich nicht im Kabarett, sondern im Frankfurter Mousonturm, wo Stephan Dorn und Falk Rößler zwar die ganze Zeit so tun, als seien wir im Varieté oder im Mainzer unterhaus. Doch im Kern ist ihre Abschlussarbeit der Angewandten Theaterwissenschaft klassische Gießener Schule und also keine Kleinkunst, sondern Metakabarett (…) Geht es doch nicht nur um die Relevanz eines mehr als 100 Jahre alten, von Tucholsky über Werner Finck und Ursula Herking bis Dieter Hildebrandt geadelten Formats. Darum etwa, was Kritik auf einer Bühne, was Humor, Sarkasmus, Komik in Bezug auf die Gesellschaft überhaupt vermögen. (…) All das ist klug und kenntnisreich und sehr präzise inszeniert.”

    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2014


    “Dorn jongliert, Rößler spielt Keyboard und Ukulele, sie hantieren mit CD-Player und Lichtorgel. Schnell zeigt sich: Sie sind vielseitig, beherrschen ihre Instrumente, können singen und sind gut aufeinander eingespielt. Gute Voraussetzungen also. Doch die Inszenierung voller Kleinkunst, Kabarett und Jonglage, auf die sie einstimmen, soll rosig und dornig werden. (…) Viele Nummern sind so offensiv banal, dass sie schon wieder witzig sind. Das gelingt nur, weil es die Künstler an Selbstironie nicht mangeln lassen. Vielleicht erklärt das den langen Applaus, mit dem das Publikum die erschöpften Künstler aus dem stickigen Theaterhaus entlässt.”

    Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 11.06.2013


    “Aber was hier wie launiges Kabarett beginnt, wird in „Die kleine Freiheit – vielleicht“ von FUX recht schnell ziemlich anarchisch und radikal. Mal am Flügel, an der Ukulele oder per Kassettenrecorder ackern sich Rößler und Dorn ebenso verfremdungsfreudig wie subtil durch die Methoden der Kleinkunst. (…) Stets gewinnend lächelnd, dem Publikum zugewandt und stellenweise sogar interaktiv zeigt das Duo, dass es die Mechaniken von Kleinkunst und Kabarett durch und durch verstanden hat. Dabei werden die Strategien nicht bloß vorgestellt, sondern doppelt ironisch zitiert und mit unerbittlicher Akribie durchgezogen. (…) Wobei man sich noch beim Lachen fragt, wer hier eigentlich wen verschaukelt: Die beiden Performer sich selbst oder das Kleinkunstgenre? (…) Ist womöglich die Kleinkunst der Ort, an den sich das politische Theater zurückgezogen hat? Weil die großen Themen auf den großen Bühnen längst zum Klischee verkommen sind? Hilft dem politischen Theater dann nur noch die radikale (Selbst-)Kritik der Kleinkunst? Die Performance ist ein Fisch, der einem auch nach zwei Stunden immer noch hartnäckig entgleitet. Das ist sie eben, die kleine Freiheit, die man sich auf der Bühne als Kleinkünstler heraus nehmen darf.”

    NOW! OUT, digital journal, OUTNOW! Festival 2015, 23.05.2015


    “Wem sind die humorig-kritischen Alleinunterhalter noch nie auf die Nerven gegangen, die ihr Publikum sowohl amüsieren als auch moralisch-sozial-politisch weiterbilden wollen? Stephan Dorn und Falk Rößler nehmen sich nun im Theaterdiscounter alle möglichen Formen der Kleinkunst vor und befragen sie nach ihrem Sinn oder Unsinn. Sich selbst nehmen sie in ihrer Show „Die kleine Freiheit – vielleicht“ löblicherweise nicht aus.”

    Berliner Zeitung, 27.06.2013


    “Da wird mit Verweisen gespielt, sich selbst aufs Korn genommen, das politische System kritisiert und karikiert und gelegentlich auch die Ausdauer des Zuschauers bis zum Unerträglichen ausgereizt. (…) Das Kabinett wird zum Kabarett, zur Farce. So bunt, grell und heiter die Umsetzung, so nachdenklich stimmt die Inszenierung. Und das große Ganze sowieso.”

    Gießener Allgemeine, 12.03.2013


    “Ein bisschen makaber, ein bisschen tiefsinnig. Vor allem aber mit vielen Überraschungen, Tricks und Lichtern (…) Die Inhalte sind oft makaber, doch dann setzte sich immer wieder schnell die Komik durch. Schließlich geht’s ja um Kleinkunst, nicht um ein großes Drama.”

    Gießener Anzeiger, 12.03.2013


    “Eine Performance, die sich zwischen Kindergeburtstag und großen Weltproblemen ihren Weg zur Rettung der Gesellschaft vor dem Untergang baut.”

    Mannheimer Morgen, 25.04.2013

  • Bisherige Aufführungen:
    26.04.2013 / zeitraumexit Mannheim
    30.05.2013 / Gessnerallee Zürich
    31.05.2013 / Gessnerallee Zürich
    05.06.2013 / Theatermaschine Gießen
    06.06.2013 / Theatermaschine Gießen
    08.06.2013 / Theaterhaus Hildesheim
    10.06.2013 / Waggonhalle Marburg
    14.06.2013 / Die Pumpe, Kiel
    18.06.2013 / APEX, Göttingen
    22.06.2013 / Bürgerhaus, Kagel
    26.06.2013 / Theaterdiscounter Berlin
    27.06.2013 / Theaterdiscounter Berlin
    28.06.2013 / Theaterdiscounter Berlin
    29.06.2013 / Theater Frankfurt, Frankfurt (Oder)
    13.02.2014 / Mousonturm Frankfurt a.M.
    14.02.2014 / Mousonturm Frankfurt a.M.
    15.02.2014 / Mousonturm Frankfurt a.M.
    23.05.2015 / OUTNOW! Festival / Theater Bremen


  • Synopsis

    Wenigstens genauso alt wie das große Theater mit den bekannten Vertretern aus 2 000 Jahren ist die kleine theatrale Form. Einzelne Nummern, die in loser Folge Effekte, Pointen und Melancholien produzieren. Das Spektrum reicht weit: vom Kabarett zur Pantomime, von der Zauberei zur Jonglage, von der Lesung zum Chanson. Und meist verbrüdert sich der Eine oder das Duo auf der Bühne mit dem Publikum zur Gemeinschaft. Man ist sich einig – und hat Spaß dabei.

    Wir eignen uns die Kniffe, Tricks und Herangehensweisen der Kleinkunst an, um aus ihnen etwas Neues zu machen. „Die kleine Freiheit – vielleicht“ ist kein Kabarett- oder Comedy-Abend, sie ist aber auch kein klassisches Bühnenstück.
    Uns interessieren die Stärken dieses Formats: der Humor, die Möglichkeit des raschen Wechselns zwischen verschiedensten Haltungen, das Spiel mit unvorhergesehenen Situationen, die inhaltliche und formale Vielfalt.
    Uns interessieren aber auch die Schwächen der Kleinkunst: ihre Unverbindlichkeit im Aneinanderreihen von Einzelteilen, ihre mögliche Harmlosigkeit, ihr (mitunter gar als Kritik getarnter) Opportunismus.

    Zu zweit spielen wir uns durch diese Ambivalenzen. Einerseits nutzen wir dabei die bekannten Settings: der Mann am Klavier, der Stand-Up Comedian, die Puppenspieler etc. Andererseits gehen unsere Aktionen in ganz andere Richtungen, wo sie kein bekanntes Bild mehr zitieren, sondern auf abstrakte Weise eine eigene Welt kreieren. Das Besondere aber ist, dass diese Welt nur mit den Mitteln der Kleinkunst gebaut werden kann, auch wenn sie deren Rahmen sprengt.

    Bei all unseren Aktionen, Texten und musikalischen Ergüssen geht es keinesfalls darum, die Kleinkunst abzutun. Wir glauben, dass sich an diesem Bühnenformat etwas zeigt, das viel mit uns und unserer Gegenwart zu tun hat. Es sind Fragen nach der Möglichkeit und Gestalt von kritischer Kunst, Fragen nach dem stoischen oder gar blindwütigen Weitermachen trotz fehlender Legitimationen bis ans Ende aller Tage und nicht zuletzt Fragen nach einer spannenden zeitgenössischen Theaterästhetik.

    Sollten wir falsch liegen, sollte es wenigstens großen Spaß machen.

    1. Welche Kleinkunst?

    „I’m fond of quoting Peter Cook, who talked about the satirical Berlin cabarets of the 30s, which did so much to stop the rise of Hitler and prevent the Second World War. You think, “Oh, wow! This is great! We need a song like this, and that will really convert people. Then they’ll say, ‘Oh, I thought war was good, but now I realize war is bad.'“
    (Tom Lehrer)

    Was man im Deutschen „Kleinkunst“ nennt, heißt auf Englisch „Popular Theatre“.
    Revue, Varieté, Kabarett. Ein bunter Abend. Jonglage, Lesung. Puppenspiel, Sketche, Lieder, Zaubern.
    Kein repräsentatives, kein avantgardistisches Theater ohne eine gleichzeitige Tradition der kleinen theatralen Form. Wo der große Bogen nicht geschlagen werden muss, können andere Dinge zum Vorschein kommen. Es ist das Genre des Effekts und des fertigen Fragments. Pointenzwang. Ein Leben auf Tour. Von Aschersleben nach Vegesack. Und manchmal reicht’s bis ins Olympiastadion.

    In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts schwingt sich die Kleinkunst im deutschsprachigen Raum zu ungeahnten Höhen auf – so zumindest die Erzählung. Glossen, Satiren, Chansons und Kabarettprogramme von Kurt Tucholsky, Karl Kraus, Karl Valentin, Erich Kästner und anderen gelten heute als ambitionierte Versuche, die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse mit den Mitteln des Humors eben nicht zu reproduzieren, sondern infrage zu stellen und gar zu ändern. Das waren hohe Ziele. Und die Vertreter und Vertreterinnen dieser Zunft hatten die Unmöglichkeit sowie das fassbare Scheitern ihrer Aufgabe spätestens ab Mitte der 30er Jahre deutlich vor Augen. Gleichwohl schafft es das politische Kabarett auch nach dem großen Krieg noch einmal, sich etwa 40 Jahre lang als Korrektiv in der politischen Landschaft zu behaupten – und auch entsprechend wahrgenommen zu werden. Mittlerweile scheint an diesem Selbstverständnis etwas problematisch geworden zu sein.

    Doch die Lust an der schnellen Freude, an der zur Schau gestellten Narrenfreiheit, an dem außergewöhnlichen Handwerk und am direkten Kontakt zu den Künstlern übersteigt wohl die fragilen Konzepte kritischer Wirksamkeit des politischen Kabaretts. Die Kleinkunst ist ein krisenfestes Genre, das sich technischen, sozialen und psychologischen Veränderungen schnell anpassen kann. Sie findet ihre Wege. Und es ist nicht so, dass sie Verwerfliches vermeiden würde. Oftmals ist sie mit wenig zufrieden und hält sich mit Klischees nicht zurück. Um Dramaturgien kümmert sie sich stiefmütterlich. Sie denkt in Nummern – 20 bis 30 für einen Abend – und sucht bestenfalls nach einem Weg, galant von A nach B zu kommen. Wenig von dem, was sie hervorbringt wird in den Kanon der bewahrenswerten Kultur aufgenommen. Meist funktioniert sie für diese Zeit, für diesen Ort, für dieses Publikum.

    Auf der Bühne geht es weniger um Schauspiel als um die Präsenz der Akteure. Eine Figur, die durch Wandlungen hindurch gleich bleibt, die Masken auf- und absetzen kann, hinter diesen aber nie ganz verschwinden will. Es bleibt Kontrolle über die Vorgänge im Spiel. Kleinkünstler vergessen sich kaum auf der Bühne. Sie bleiben souverän. Vielleicht sind sie Performer – vielleicht waren sie es bereits lange bevor die Performance Art nach dieser Haltung zu suchen begann.

    Die Richtung der Aktionen verläuft meist frontal. Eine vierte Wand gibt es höchstens als Behauptung, über die sich sowohl Zuschauer als auch Spieler im Klaren sind. Man schaut sich in die Augen. Und darum kann man reagieren, flirten, die Interaktion mit dem Außen zur Kunstform erheben. Dennoch bleibt es eine Einladung zur Hierarchie; eine Verbrüderung mit klaren Rollen.

    Nicht umsonst fällt die Rezeption von Kleinkunst häufig damit zusammen, schlicht unterhalten zu werden. Die spannende Frage ist, wo die mundgerechte Portionierung von effektvollen Eindrücken (die fraglos eine Kunstfertigkeit ist) über sich hinausgehen und unliebsame Funken schlagen kann, damit sie mehr ist als ein folgenloser Zeitvertreib.

    2. Die Kleinkunst weiter drehen

    Wir wollen uns dieses theatrale Format aneignen und mit ihm etwas Neues anstellen. Wir wollen die Kleinkunst wiederum theatral bearbeiten und so zu einem anderen, uns noch unbekannten Bühnenformat gelangen. Wir wollen die Kleinkunst nicht reproduzieren, sondern mit ihren ästhetischen Strategien Theater, womöglich Performance machen.

    Die Geschichte des Menschen wurde beschrieben als eine Geschichte der Kränkungen.
    Erst musste er lernen, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums ist, dann sollte er verkraften, selbst vom Affen abzustammen, schließlich erklärt ihm die Psychoanalyse, sein Bewusstsein sei nicht einmal Herr im eigenen Hause.

    Eine vierte Kränkung ist seitdem hinzugekommen: Der Mensch kann die Welt nicht objektiv beschreiben, geschweige denn kritisieren. Der Kabarettist und seine Wahrheit sind längst so angreifbar geworden, wie das, was sie angreifen. Es gibt keine Außenperspektive, die noch guten Gewissens eingenommen werden könnte – auch nicht, wenn sie witzig formuliert daherkommt.

    Sigmund Freud versteht den Humor dann auch weniger als eine Methode, andere zu kritischen Menschen zu erziehen, denn vielmehr als eine Haltung, sich von der Welt nicht allzu sehr verletzen zu lassen. Ob ambitionierter Humor also tatsächlich zur Sozialtechnik taugt oder in erster Linie eine Selbsttechnik darstellt, wäre eine unserer dringlichen Fragen.

    Denn auf Witz wird Kunst nicht verzichten. Sein Reiz ist zu groß, seine Wirkung zu stark. Humor kann ein Medium sein, die Zuschauer für Komplexität zu öffnen, eine Dynamik in Gang zu bringen, Paradoxien konkret auszuagieren. Er kann zudem Effekt besonderer Reflexivität werden. Puppenspiel, Stand-Up, Slapstick, Sketch und Clownerie gewinnen ihre Attraktivität auch daher, permanent sowohl die Illusion als auch ihre Herstellung zu zeigen bzw. – wie im Falle der Zauberei– genau diese zum Rätsel zu machen, das entschlüsselt werden kann. Dem Kleinkunstpublikum ist klar, dass das Bühnengeschehen handwerklich gemacht ist. Es kann ohne größere Probleme zwischen den Ebenen des Dargestellten und der Darstellung changieren und dieses Wechselspiel sogar zur zentralen Lust am Schauen werden lassen. Brechts Verfremdungseffekt beschreibt im Grunde einen basalen Kniff der Kleinkunst und eine Kernkompetenz ihrer Rezipienten.

    Auch andere Begriffe der avancierten E-Kultur erscheinen bei näherem Hinsehen als umformulierte Kleinkunstwerkzeuge. Die „Ästhetik des Fragments“, die spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als zu befreiende dramaturgische Option neben oder gar anstelle der großen zusammenhängenden Erzählung angesehen wurde, ist Alltag jeder künstlerischen Bemühung, die mit Nummern arbeitet. Problematisch wird es freilich, wenn die Abfolge der Einzelteile keinerlei Konsequenzen nach sich zieht; wenn alles in einem unverbindlichen Nacheinander verebbt. Darum kann man der Kleinkunst den Vorwurf machen, selbst da wo sie politisch sein möchte letztlich harmlos zu bleiben. Aber heißt das, dass mit ihren Mitteln kein politisches Theater zu machen ist? Liegen nicht viel zu große Potentiale in diesem Genre, als dass man auf sie verzichten könnte?

    Die Probleme des politischen Kabaretts sind en miniature die Probleme jedes kritischen künstlerischen Handelns der Gegenwart. Die fassbaren Feinde gehen aus, sind schwer zu greifen, weil sich Machtstrukturen komplexer und entpersonalisierter geflochten haben. Man findet sich selbst in fast alles eingebunden, was kritikwürdig erscheint. Konkrete Auswirkungen des eigenen Schaffens zu bemerken, bedarf einiger euphemistischer Anstrengungen. Allein der Glaube daran, dass es so leicht funktionieren könnte, scheint überholt und zu einfach.

    Aber auch die Fokussierung auf formale Aspekte, auf die Herstellung selbstreferentieller Schleifen verbunden mit der vagen Hoffnung auf dabei entstehende neue Wahrnehmungsweisen taugt nicht mehr zur Utopie. Das postdramatische Konzept, die Performance Art – sie haben fraglos neue Räume erschlossen, die auszublenden sich keine zeitgenössische theatrale Unternehmung erlauben sollte. Jedoch: eine zufrieden stellende Antwort aufdie Frage, wie sich Relevanz und künstlerisches Handeln heute denken und ausagieren lassen, bieten sie mittlerweile ebenso wenig.

    Vielleicht also gibt es einen Knacks, einen Bedarf für die Sinnfrage. Oder eben einen Bedarf, diese Frage mit viel Aufwand zu verleugnen. Nie zuvor wurden mehr künstlerische Artefakte produziert. Nie war ungeklärter, für was oder wen man sie in die Welt setzt.

    Unsere These ist, dass man sich dieser Konstellation in einer Auseinandersetzung mit dem Format Kleinkunst stellen kann und dass es sich dabei um eine lohnenswerte Aufgabe handelt.

  • Den Blog zur Tour mit „Die kleine Freiheit – vielleicht“ durch Deutschland und die Schweiz finden Sie hier.

 


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Dramaturgische Mitarbeit: Lisa Schettel

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