SCHLAGZEUG (AT)
ein mittelguter Musikabend /

Konzept, Regie, Texte, Musik, Performance:
Stephan Dorn, Falk Rößler, Nele Stuhler /
Premiere:

15.12.2011 / Justus-Liebig-Universität Gießen / Audimax /
Fotos: Jana Mila Lippitz & Johannes Dietschi

„Wir sind ja nicht mehr Rock ’n’ Roll.“
„Nee. Wir sind schon meta.“

Irgendwann fängt jeder einmal an, Gitarre zu spielen. Viele, die nicht nach einer Woche aus lauter Frust aufgeben, geben nach zwei Wochen aus lauter Frust auf. Aber die, die dran bleiben, geben nach einem halben Jahr aus lauter Frust auf – oder werden so mittelgut. Und einige wenige – einige wenige – verändern eine Generation.

Für die singt dann der Chor der Millionen, in diesem Stadion, das zu meinem Wohnzimmer geworden ist. Und gerne würden wir auch da oben stehen. Doch dafür ist es jetzt wohl zu spät. Und so fragen sich die beiden Helden dieses Abends gar nicht erst, warum sie es nicht geschafft haben. Vielleicht sind wir nicht gut genug für die großen Hallen – und vielleicht hapert es auch an der Optik. Aber für einen gelebten Traum reicht es allemal. Schließlich machen wir Theater. Also noch mal das volle Programm – kurz vor dem Ende der Popmusik. Was kann ein Lied? Warum immer wieder Liebe? Wer steht da oben? Wer da unten? Und hat das irgendwas mit Politik zu tun?

„SCHLAGZEUG (AT)“, eine Rock-Oper für ein Schrottschlagzeug und einen beweglichen Keyboard-Wagen.


Eine Koproduktion mit dem Theaterdiscounter Berlin.
Mit freundlicher Unterstützung des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen, der Hessischen Theaterakademie und des Frankfurt LAB.



Pressestimmen
Aufführungen
Trailer
Konzept
  • „Lauthals in lässigen Hosen, gepaart mit Karohemd und zerzausten Haaren, sorgt er auf der Bühne für Stimmung. Er springt runter, rennt durch die Publikumsreihen, hoch auf die Empore, klatscht, grölt, animiert. Am Keyboard fiebert sein Bandkollege mit. Immer wieder heizen sie das Publikum an. (…) Die Performance von Stephan Dorn, Falk Rößler und Nele Stuhler sprießt nur so von Parodie. Die gelungene Ironie der vielen Parodien des Musikerdaseins ist permanent spürbar und geht durch und durch.“

    Gießener Anzeiger, 11.06.2012


    „Hier das ‚Noch‘ eines naiv-idealistischen Verhaftetseins an der Popkultur, der Wunsch nach Glamour, hingebungsvoller Identifizierung mit Helden wie Kurt Cobain von ‚Nirvana‘, dessen Gesicht ein Performer auf dem T-Shirt trug und wie eine antike Maske ‚personierte‘: das als Sprechmaske durchtönte Rollen-Ich. Und dort das ‚Schon‘: eine Theoretisierung des Bühnenereignisses im Gießener Stil, die sich im bewussten Spiel mit dem Bühnenrahmen, in der Selbstbezüglichkeit, aber auch im Lied ‚Bühnencharaktere‘ sowie spielerischen Adressen ans Publikum, dem Einsatz eines hohlen Monitor-Chassis als zeichenhaftes Bühnen-Ikon und so fort äußerte.“

    Frankfurter Neue Presse, 29.06.2015


    „Stephan Dorn, Falk Rößler und Nele Stuhler, Studierende der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, führen uns in Schlagzeug (AT) – ein mittelguter Musikabend in die Endlosschleife zeitgenössischer Popmusik. (…) In den immer grotesker werdenden Versuchen, die Emotionalität des eigenen Erlebens musikalisch zu feiern, wird es zunehmend unmöglich, noch etwas Authentisches zu erkennen. Das (fiktive) Persönliche in Schlagzeug (AT) muss sich ständig auf ein vermeintlich unmittelbares Erleben berufen. Die Biografie als Hybrid aus subjektiv Erlebtem und intersubjektiv Erzähltem markiert den Punkt, um den es geht. Die Geschichte entsteht erst in der Wiederholung, doch im gleichen Moment markiert sie notwendigerweise die Kluft zu dem, worauf sie sich beruft.“

    Theater der Zeit, Jahrbuch zum Theater im Ruhrgebiet 2013


    „Die drei von FUX erzählen mit SCHLAGZEUG (AT) vom Urschleim, dem sie und ihre in den ’90ern aufgewachsenen Zeitgenossen entwachsen sind: vom Traum von Rock und Pop. (…) das hat schon Charme. Die Songs kommen daher, als seien sie dem deutschsprachigen Liedgut entwendet. Tatsache ist: Die sind selbst geschrieben. FUX hat sich dabei so genau an das gängige Strickmuster eines Popsongs gehalten, dass jeder Song wirkt wie 1000mal gehört. (…) SCHLAGZEUG (AT) spielt mit Plattitüden. Mit Pathos auch. Längen. Daneben die ein oder andere Steigerung. Diese Elemente sind in der Performance so gewählt eingesetzt, dass sie sich stets als Mittel zu erkennen geben. SCHLAGZEUG (AT) ist dadurch souverän und unterhaltsam. Ein klug gebautes Fragment über Rock und Jugend, und über eine Generation von Menschen, die an der spannenden Schnittstelle von analog und digital aufgewachsen ist.“

    Theaterkritikblog „Unruhe im Oberrang“, 03.10.2015


    „In der Christuskirche erlebten die Zuschauer_innen ein Feuerwerk an musikalischem Können, gewandtem Wortwitz, Selbstironie und kluger Persiflage der Musikszene. Mit viel Witz und verblüffenden Ideen (…) gaben die Künstler_innen zwei alternde Musiker zum besten, die wehmütig auf ihre zwanzigjährige Karriere zurückblicken und dabei, wie eine hängen gebliebene Schallplatte, immer wieder ihren großen Hit referieren. Und dieser hat es wirklich in sich. Schon beim zweiten Mal summen vereinzelte Gäste mit, später stimmen viele in den eingängigen Refrain mit ein. (…) Bereits beim Verlassen des Saals konnten viele nicht an sich halten und sangen ungehemmt. Ein echter Ohrwurm aus der eigenen Feder der drei Künstler_innen. Hut ab! (…) Nach wirklich unterhaltsamen und lustigen knapp 60 Minuten gab es dann den sehr verdienten Applaus und begeisterte Pfiffe. Es war ein Schlagzeug, ja, aber alles andere als nur mittelgut.“

    Festivalblog MegaFon-Festival Bochum, 16.06.2012


    „Der Abend schwankt zwischen zwei Polen: Der intimen Kleinkunstbühne für ein tatsächliches Publikum und der großen Bühne für die fiktive Masse. Und genauso wie sich die Bühnensituation immer wieder verändert schwankt auch der Text zwischen der großen Geste und der persönlichen Geschichte. Und plötzlich sitzt man wieder in seinem Jugendzimmer und denkt daran, was es da draußen geben könnte.“

    Gießener Allgemeine, 08.06.2012

  • Bisherige Aufführungen:
    15.12.2011 / Justus-Liebig-Universität Gießen / Audimax (Premiere)
    07.06.2012 / Theatermaschine, Gießen
    09.06.2012 / Theatermaschine, Gießen
    15.06.2012 / MegaFon-Festival, Bochum
    29.09.2012 / Festival der jungen Talente, Frankfurt am Main
    06.10.2012 / Hilde an der Sihl-Festival, Zürich
    28.11.2014 / Studio Naxos, Frankfurt am Main
    29.11.2014 / Studio Naxos, Frankfurt am Main
    27.06.2015 / Hessische Theatertage / Staatstheater Wiesbaden
    24.09.2015 / Theaterdiscounter, Berlin
    25.09.2015 / Theaterdiscounter, Berlin
    26.09.2015 / Theaterdiscounter, Berlin
    27.09.2015 / Theaterdiscounter, Berlin

  •  


  • Strophe

    Pop, das ist die Heimat des Westens; die Reduktion von mehreren hundert Jahren europäischer Musikgeschichte auf ein paar Kadenzen; Gedichte über Liebe, Leid und Politik; das, was man kennt, womit man aufwächst; der Ort, an dem man zusammenkommt; der Exzess; die Biederkeit; der schnellste Weg zur Kunst.
    Er ist das Feld der Modulation des Immergleichen – formal und inhaltlich. In und mit Popmusik erkennt man wieder, werden die Ansprüche nicht zu hoch sein.
    Er ist aber auch ein Feld für Expressivität, Experiment und Kritik – und hat nicht zuletzt eigene ästhetische Möglichkeiten gerade in der Verbindung von Reflexion und Sinnlichkeit geschaffen. In und mit Popmusik eröffnen sich Zugänge zu Musik und Text; zu Ambitionen. Die jüngere Geisteswissenschaft arbeitet gern mit den Begriffen Musikalität, Performativität, Materialität, Präsenz. Man darf zurecht vermuten, dass ohne die ästhetischen Strategien der Popularmusik diese Konzepte nicht existieren würden.

    Pop, das ist auch eine abgegraste Weide. Die Möglichkeiten sind durchgespielt. Auf der Ebene der Komposition und Dichtung von Popsongs ist der Zenit überschritten. Nie war es leichter und institutionalisierter solche Stücke zu schaffen. Nie war der nächste Song, der das Licht der Welt erblickt, redundanter.
    Wenn etwas zu Ende geht, kann man anfangen, anders darüber nachzudenken. Im Vergehen distanziert man sich – und sieht anders auf das Sterbende. Dann kann man nach Funktionsweisen des Alten fragen, nach den Gründen für seine Abgetragenheit und nach seinen Strukturen.
    Die Grammatik einer bestimmten Kultur, das Metrum des künstlerischen Ausdrucks eines bestimmten Kulturraums – das wäre dann jetzt untersuchbar.
    Wie also manifestieren sich die Grammatiken dieser westlichen Massenkultur in Popularmusik? Welchen Einflüssen ist dieses Genre ausgesetzt und welchen Einflüssen setzt es uns aus? Dreieinhalb Minuten Strom, ein dickes Bild, ein dichter Punkt Leben – und dann ohne größere Probleme zum nächsten Fragment. Ein Hit folgt dem anderen und ein paar werden bleiben. Den Überblick aber haben die 70er-, 80er- und 90er-Jahre-Shows auch schon verloren.

    Es geht nicht darum, die langweilige Behauptung aufzustellen, etwas werde bald verschwinden. Es geht darum, zu fragen, warum etwas bleibt, wenn es eigentlich seine Pflicht getan hat. Und es geht um eine Manifestation von Kultur, um ein Format, das innerhalb von 50 Jahren eine riesige Wirkungsmacht entfalten konnte, eben weil es Individualität und Massentauglichkeit genauso zu verbinden versteht wie Rezeption und Produktion – nicht zuletzt mit dem Konsum als entscheidendem Mittel und wichtiger Triebkraft.

    Refrain

    „SCHLAGZEUG (AT)“, das ist: Ein Bühnenformat über ein Bühnenformat. Ein Abend über Popmusik.
    Die Zuschauer befinden sich auf der Hinterbühne eines Raumes, es ist keine Black-Box, kein White Cube, ein Raum mit Geschichte, ein Theatersaal, eine Mehrzweckhalle, ein Audimax, eine Kirche. Ein Schatten projiziert die Helden des Abends überlebensgroß an eine Leinwand. Sie spielen ihren Hit. Doch sobald sich der Blick über die leeren Reihen des Raumes öffnet, wird der Abgesang der Popmusik, wie wir sie behaupten, offensichtlich. Ein letztes großes Fest.

    Ein ätherisches Publikum kann niemanden Ausbuhen und Niemanden feiern, aber das machen wir einfach selbst. Immer wieder unterbricht das Konzert, Versatzstücke eines Varietés blinken auf: Tanz, Zauberei, Clownerie, Erlebnisgeschichten. Es wird wieder intim, ein schwarzer Vorhang, eine Hinterhofbühne. Und dann, plötzlich, steht da Kurt Cobain und richtet seine Weisheiten an die Welt.
    Formate fangen an, miteinander zu sprechen und womöglich zu schweben unter einem “Dach aus Liebe”. Denn das bleibt ohnehin – ein Ohrwurm. Und der Beweis: Es mag einfach sein, Strophe – Refrain – Strophe – Refrain – Bridge – Refrain – Refrain – Refrain. Aber es funktioniert – immer wieder.

    Die Verzahnung von Allgemeinem und Individuellem ist nirgends größer als im Falle der Popmusik. Welche Stellung hat und hatte sie in unseren Leben? Wann haben wir den Traum aufgeben und haben wir ihn jemals wirklich geträumt? Popstar werden? Und wann hat die Popmusik ihre Aura verloren, oder hat sie das gar nicht? Nur für uns? Es geht ja immer um den Umgang mit den eigenen Ambitionen und hier steckt sicherlich das selbstreferentielle Moment, die Vorstellung des Künstlerdaseins, damals und heute; Entscheidungen, Konsequenzen, Lebensmodelle.

    Denn irgendwann fängt jeder einmal an, Gitarre zu spielen. Viele, die nicht nach einer Woche aus lauter Frust aufgeben, geben nach zwei Wochen aus lauter Frust auf. Aber die, die dran bleiben, geben nach einem halben Jahr aus lauter Frust auf – oder werden so mittelgut. Und einige wenige – einige wenige – verändern eine Generation.
    Für die singt dann der Chor der Millionen, in diesem Stadion, das zu meinem Wohnzimmer geworden ist. Und gerne würden wir auch da oben stehen. Doch dafür ist es jetzt wohl zu spät. Und so fragen sich die beiden Helden dieses Abends gar nicht erst, warum sie es nicht geschafft haben. Mag sein, dass sie nicht gut genug sind für die großen Hallen. Mag sein, dass sie den echten Zuschauern nicht in die Augen sehen können und sich stattdessen ständig Umwege suchen müssen. Und mag sein, dass es vielleicht auch an der Optik hapert. Aber für einen gelebten Traum reicht es allemal. Schließlich machen wir Theater. Also noch mal das volle Programm – kurz vor dem Ende der Popmusik. Was kann ein Lied? Warum immer wieder Liebe? Wer steht da oben? Wer da unten? Und hat das irgendwas mit Politik zu tun?

    „SCHLAGZEUG (AT)“, eine Rock-Oper für ein Schrottschlagzeug und einen beweglichen Keyboard-Wagen.


 


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ein mittelguter Musikabend

Konzept, Regie, Texte, Musik, Performance:
Stephan Dorn, Falk Rößler, Nele Stuhler

Premiere:

15.12.2011 / Justus-Liebig-Universität Gießen / Audimax

Fotos: Jana Mila Lippitz & Johannes Dietschi

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